Ein lang ersehntes Comeback

Bonjour, Freunde des Qualitätsjournalismus, Bonjour, ihr treuen Blogleser:innen! Ça va? Da dürft ihr jetzt aber ruhig ehrlich sein: Wie viele knusprige Baguetteböden habt ihr in den letzten Monaten mit euren Tränchen weichgeweint, mit wie viel rotem Wein eure Einsamkeit fortzuspülen versucht und wie oft jaulend wie ein Verlassener vor dem Eiffelturm die verschlossene Tür des Bruchwerktheaters besucht?

Seien wir mal ehrlich: Uns Connaisseuren der partizipativen Theaterunterhaltung hat die ganze Geschichte mit Corona schon sehr wehgetan. Wir waren hier im tollMut-Ensemble ja richtiggehend zu einer Symbiose d’amour verwachsen, dass man sich nicht mehr vorkam wie ein Mensch, wenn man mal nicht zu fünft aufeinander saß, innig den Kopf in der einen Achsel und das Bein in der anderen Kniekehle verortete, und abwechselnd zwölf Münder über denselben Bierflaschenhals stülpte. Da hat uns dieses vermaledeite Virus mal schön aus dem muckeligen Nest der Normalität geworfen. Sacre bleu! Das geplante Sommerstück fiel mit herunter, unser geliebtes Theaterzuhause wurde geschlossen, Kneipen gleich mit, und wir saßen auf einmal alleine oder auch zu zweit mit Netflix im Bett, erhöhten unsere Zufuhr an Kohlenhydraten und entdeckten wahlweise Pamela Reif oder das Sommerhaus der Stars für uns. Auch wenn die Online-Alternativen des Bruchwerk Theaters uns ein paar wunderbare Stunden bescherten, blieb doch der Hunger nach Kontakt.

Umso schöner ist es, dass es im August wieder offline mit dem Workshopprogramm losging, die Profisparte mit FISCHE ihre erste Premiere gezeigt hat und jetzt das Casting für die tollMut-Werkstattproduktion im Winter stattfinden konnte. Noch können wir es nicht so richtig glauben, müssen wir aber auch nicht, solange uns die Hoffnung bleibt. Hoffen wir also, dass DER HERZAUSREISSER wie geplant anfang des nächsten Jahres über die Bühne gehen kann.

Ich, die rasende Reporterin, die euch dieses hochwertige Stück Journalismus hier feilbietet, habe in diesem Jahr auch wieder mein Glück beim Casting versucht und liefere euch darum exklusive Insiderinformationen, von denen nicht einmal bei der Springerpresse jemand etwas weiß. Oh là là! Zunächst jedoch zu den harten Fakten: „Scheiß drauf“ ist nicht - Corona ist nicht nur einmal im Jahr, sondern immer noch. Die Fallzahlen steigen und wir sind uns trotz unserer Neigung zu Schweinehaufen unserer Verantwortung bewusst, weshalb das Casting selbstverständlich mit Hygienekonzept und Maske (ich persönlich bevorzuge ja den Begriff „Schnutenpulli“ aus meiner Heimat) stattgefunden hat.

Aber alles der Reihe nach! Voilà: Mittwoch 14. Okt. 2020, 18 Uhr, Siegbergstraße 1. Viele kulturhungrige Menschlein wurden vom Winde aus allen Himmelsrichtungen herangeweht und versuchten gierig, durch die Extralage Stoff die Theaterluft aufzusaugen. Auch wenn sich darunter einige über ein halbes Jahr nicht gesehen hatten, verlief das Wiedersehen doch, als wäre es erst gestern gewesen. Damals, als „Auf Wiedersehen“ noch „Bis morgen“ hieß.

In den Armen konnten wir uns dieses Mal leider nicht liegen, auch wenn wir etwas Wärme hätten gebrauchen können; Schließlich sollten wir zum Luftaustausch die ganze Zeit bei geöffneten Fenstern da sitzen und auf unseren großen Auftritt warten. Bei 8°C und dem Siegener Oktoberregen ist das nicht wirklich warm gewesen, weshalb die meisten in dichte Mäntel und Jacken gehüllt da saßen, gerade so, wie man sich Weihnachten beim Michelinmännchen vorstellt.

Der Pandemie wegen gab es leider auch kein Warm up. Quel malheur! Das war sehr schade, da es

a) immer sehr viel Spaß macht

b) die Stimmung auflockert

c) aufwärmt (Der Englisch-Leistungskurs lässt an dieser Stelle freundlich grüßen)

Da Warm-Ups aber mit Gesang, Körperkontakt und viel Bewegung einhergehen...Naja. Ihr könnt euch den Rest denken. Als nahezu alle angemeldeten Bewerber eingetrudelt waren (nackte Panik vor einem möglichen Versagen sorgte für kurzfristige Verluste), ging es auch prompt ans Eingemachte: Regisseur David Penndorf bemühte sich redlich, nachvollziehbar zusammenzufassen, worum es in DER HERZAUSREISSER geht, wer da so alles auftaucht und was seine ersten Gedankengänge, nennen wir es mal ein frühes Konzept, seien. Da DER HERZAUSREISSER die Theaterfassung eines surrealistischen Romans des französischen („Aaah, deshalb Bonjour am Anfang!“) Autoren Boris Vian ist und seine Zuhörer:innen ein Haufen nervöser Castinganwärter:innen kurz vor dem Nervenzusammenbruch waren, dürft ihr nun mal raten, wie nachvollziehbar ihm das gelungen ist. Richtig: Nicht. Pas du tout!

Danach dann der Hauptgang: Einzelvorsprechen, Gedicht vortragen und Dave darf sich aussuchen, was mit dir und deinem Gedicht passiert: Genauer: Wie du deinen Vortrag variieren sollst. Wirst du zu einem Monster? Zu einem Cheerleader, oder vielleicht doch zu einem Kleinkind, das mit einer Leiter spielt ? Vielleicht darfst du auch eine Maus sein, die vor der Katze Angst hat, verwandelst dich in den unglaublichen Hulk oder in jemanden, der zu tief ins Glas geschaut hat (also einen beliebigen Besucher einer tollMut-Weihnachtsfeier). In diesem Jahr neu, weil augenscheinlich relevant für die geplante Inszenierung: Schicke Tänzchen, Pirouetten, Rap, Rythmusspielchen und eine steppende Hexe. Tout est possible.

Auch in diesem Jahr zog sich das Casting über zwei Tage und am zweiten davon ging es sogar noch schneller los mit den Gedichten und Vorsprechen und Daves bunter Wundertüte: Einige Ideen vom Vortag wiederholten sich, aber es kam auch zu Premieren: Leicht wie ein Windhauch sollte ein Anwärter sein Gedicht präsentieren, eine andere mimen, kurz vor dem Verdursten in der Wüste einen Fieberwahn zu erleiden, man sollte sich verstecken, sich gegen Krokodile verteidigen und als Robinson Crusoe eine Flaschenpost schreiben. Ich möchte euch nicht vorenthalten, dass bei diesem Casting zum ersten Mal in zehn Jahren Castingtradition als „Gedicht“ das „Vater unser“ vorgetragen wurde. Ebenfalls möchte ich nicht verschweigen, dass diese Person, nennen wir sie mal zur Wahrung der Anonymität Derena Sombrow, mit der Nummer sogar eine Rolle ergattern konnte. Vraiment!

Als wir alle gegen 21 Uhr das Theater verließen, wurden die Lautstärke an sämtlichen Mobiltelefonen bis zur maximalen Kapazität aufgedreht, denn Workaholic David Penndorf hatte angekündigt, noch am selben Abend eine Entscheidung über seine Besetzung zu treffen. Und tatsächlich: Bei zehn der dreiundzwanzig Anwärter:innen klingelte tatsächlich noch in den späten Abendstunden das Handy.

Mit dabei sind sehr viele alte tollMut-Nasen und Wiederholungstäter:innen auf der Bühne, aber auch unermüdliche Castinggänger:innen, von denen es gleich drei im inzwischen schon dritten Anlauf endlich auf die Bühne geschafft haben. Wir gratulieren ganz herzlich, sagen Chapeau und raten allen, die diesmal keine Rolle ergattern konnten: Kommt unbedingt wieder, Beharrlichkeit lohnt sich, wie man an unserem Ensemble sieht.

 

 

In Zukunft also Lach- und Sachgeschichten über folgende Schauspieler:innen:

Jacquemort - Peter N. Ewert

Clémentine - Serena Dombrow

Joël - Alina Sophie Schäfer

Noël - Nika Zh

Citroën - Charline Kindervater

Culblanc - Clara Wolferseder

La Gloïre - Sebastian Stenczl

Angel | André - Marcel Thomas

Pfarrer | Grünspecht - Pierre Stoltenfeldt

Kuppler | Küster | Katze - Charlin Lüttger