Das Lagerfeuerliedlied 2.0

Butter bei die Fische, Freunde: Für die gegenwärtige Krise taugt die feine Sitte dieses Blogs nicht wirklich, da müssen auch wir jetzt umdenken hier. Dass der Exodus früher oder später kommt, damit hatten wir zwar gerechnet; Zombies, Außerirdische und Trump hatten wir auf dem Schirm und schon schmissige Schlagzeilen für den Ernstfall präpariert. „Soll die Apokalypse nur kommen, wir sind vorbereitet!“, hallte es noch im Januar selbstgefällig aus der Blogredaktion, „Schlimmer als die Generalprobe von ‚Yvonne‘ wird‘s schon nicht werden, hähä!“ Pustekuchen, wir hatten ja keinen blassen Schimmer! Immerhin konnte man damals bei Proben im Bruchwerk-Theater noch ein großes Geschäft verrichten, ohne, dass habsüchtige Kleinstnager einem das sorgsam gefaltete Papier unter‘m Arsch wegklauten!

Allerdings - und jetzt müssen sie leider sein, die ernsten Töne – ist der Mangel an Hakle Soft für die meisten von uns und euch gerade nicht die größte Sorge. Während man seine vier Buchstaben notfalls auch mit einem nassen Lappen, einer alten Perücke oder einer weichgeknüllten BILD-Zeitung von Bremsspuren befreien kann, können andere Ängste nicht so bequem weggewischt werden. Für viele stehen gerade Jobs, Existenzen und vor allem die Gesundheit auf dem Spiel, und auch im Bruchwerk-Theater ist die Zukunft gerade vor allem eines: Ein großes, finsteres Fragezeichen.

Ein kleines Trostpflaster für alle Kunstschaffenden und Kunstliebhaber, die mal wieder schweißgebadet aufwachen, weil sie nicht wissen, wann und wie es weitergehen wird: Die Krise, vom persönlichen Herzschmerz bis hin zum Weltkrieg, ist immer auch ein Motor der Kunst gewesen. Nichts bringt die alten Mühlen im Kopf und im Herzen so sehr zum rattern, nichts beflügelt die Kreativität so sehr wie der Ausnahmezustand. Wenn das C-Wort also eines sonnigen Tages nicht mehr die Tageszeitung, sondern die Geschichtsbücher füllt, werden wir blass wie ein Molch und klopapierbeladen zurückkehren aus der häuslichen Isolation, und Ideen im Schlepptau haben, Geschichten und Lieder, die vorher nicht gedacht, erzählt und gesungen worden wären.
Weil wir so lange aber nicht warten wollen und können, und weil wir lieber in die vom vielen Waschen trockenen Hände spucken als „RuPaul‘s Drag Race“ zum zwölften Mal zu streamen, suchen wir schon jetzt nach Möglichkeiten, die Freunde des Theaters zu vereinen – virtuell natürlich, denn Isolation ist zwar bitter, aber nötig, wenn wir uns alle irgendwann wieder in den Armen halten wollen.

Jetzt also zum Eingemachten (nicht die rote Beete und die Bohnen von Omi im Keller, hebt euch die mal besser für ganz düstere Zeiten auf): Seit ein paar Jahren bietet das tollMut-Ensemble einmal monatlich seine illustre Lesereihe „Stück für Stück“ an. Bislang saß man dazu immer in gemütlicher Runde zum Beispiel an einem Tisch beisammen, marinierte die Leber mit einem oder fünf Gläschen Rotwein und las gemeinsam einen Theatertext in verteilten Rollen. Am Ende wurde es noch interaktiver, da durfte dann jeder ein Stück seiner Wahl auf ein Zettelchen schreiben und in ein Säcklein werfen, allerdings nur eines, es ging ja nicht um Leben und Tod wie in „Die Tribute von Panem“. „Ich melde mich freiwillig als Tribut!“ war dennoch das Gebot der Stunde, denn im Anschluss wurde ein*e Freiwillige*r bestimmt, der oder die mit geschliffener Handfertigkeit in der urdeutschen Tradition der Lottofee Karin Tietze-Ludwig einen Zettel aus dem Lostopf zog und somit das Stück bestimmte, das als nächstes gelesen werden sollte. Hach, nach nur einer Woche in der Selbstisolation läuft mir schon ein ganz nostalgischer Schauer den Rücken herab, wenn ich das so runterschreibe.

Die guten Neuigkeiten (Ich bin schon ganz aufgeregt vor lauter Vorfreude): Unsere Lesereihe wird fortgeführt und zwar online! Schon kommenden Freitag, am 27. März, entfachen wir unser virtuelles Lagerfeuer und lesen den ersten Text gemeinsam über das Sprachchat-Programm Discord. Eingeladen ist dazu jede*r mit einem Smartphone, Tablet, PC oder Mac, solange euer Endgerät über Möglichkeiten der Sprachein- und -ausgabe verfügt. Deckt euch also mit einem oder zehn Flaschen Vino ein (von mir aus auch mit Mate oder Sprite Zero, auch wenn die wie Fuß schmeckt) und seid dabei. Wie so eine „Stück für Stück“-Leserunde aussehen kann, wenn man von zu Hause mitmacht, haben einige unserer tollMütigen im Lagerkoller freundlicherweise fotodokumentarisch illustriert. Ihr merkt schon: Das könnte Spaß machen. Ihr merkt auch: Die brauchen wirklich langsam mal wieder soziale Kontakte, das Vögelchen hinter der Stirn piepst inzwischen schon die Nationalhymne von Trinidad und Tobago. Rückwärts.

Am 3. April geht es darum dann auch schon direkt in die nächste Runde, denn wenn wir ganz ehrlich sind, haben wir gegenwärtig ja sowieso nichts Besseres zu tun. Sollte das Interesse rege sein, spricht dementsprechend nichts dagegen, „Stück für Stück“ für die Zeit der Selbsquarantäne wöchentlich durchzuführen.
Wer mitmachen möchte, meldet sich bitte hier an, Informationen über den genauen Ablauf erhaltet ihr dann zeitnah.
 

Bleibt gesund, liebe Freunde, bleibt tapfer, und bleibt vor allen Dingen zu Hause! Wir halten euch in unseren Herzen und Gedanken und sind weiterhin für euch da, in Formen, die wir selbst bislang nicht auf dem Schirm hatten!

 

P.S.: Viele weitere Lagerkollerfotos unserer tollMut-Bande findet ihr auf unserem Instagram-Account