Lustige Vögel #7 - Antonia Schellert

Kurz vor einer Premiere brennen bei manch einem in Ensemble und Team die Synapsen durch. Auf der Suche nach Betroffenen müsst ihr gar nicht lange suchen, denn auch wir im Blog sind nicht vor psychosomatischen Belastungsfolgen gefeit, schließlich sind wir für tollMut im Dauereinsatz und führen nicht nur dieses virtuelle Kleinod der Enthüllungskultur, sondern sind auch auf, vor, hinter und unter der Bühne in anderen sehr (!) bedeutsamen (!!) Funktionen tätig. Bei so viel Einsatz (!!!) kommt es nicht selten vor, dass man nachts mit einem Mal kerzengerade auf der schweißgetränkten Matratze sitzt, umringt von halbverschlungenen Torten und unfertigen Blogbeiträgen, und der Kopf sich ruhelos bis zum Morgengrauen in den großen Fragen der Menschheit festbeißt: Warum habe ich nichts Anständiges gelernt? Ist es zu spät für eine Ausbildung als Tierarzthelferin? Warum werden in Fantasyromanen immer bloß Jungfrauen geopfert, um Drachen und Dämonen zu besänftigen? Habe ich den Sandwichtoaster ausgestellt?

Nun allerdings keine falsche Betroffenheit, meine Damen und Herren. Aus Scheiße Gold machen, das ist schließlich unser Steckenpferd hier im Blog, und diese Losung gilt auch für durchgrübelte Nächte. Die machen zwar mürbe, doch manchmal auch klug, denn gelegentlich ist man nach einer langen Nacht zu Antworten und Einsichten gelangt, die man im erholsamen Traume sicher nicht aufgetan hätte. Was die Vorliebe für Jungfrauenopfer angeht, zum Beispiel, da haben wir inzwischen vollstes Verständnis für die Ausgeburten der Hölle in der fantastischen Literatur. Wirklich. Diese unversehrte Reinheit ist doch viel ergiebiger als wenn einem schon wieder so ein durchgenudelter Rest vom Vortag vorgesetzt wird. Ohne Frage, wir freuen uns ja, dass es so viele Masochisten in Siegen gibt, denen man antun kann, was immer man will, und die trotzdem wieder und wieder zum Casting kriechen. Aber schreibt mal jede Spielzeit eine neue kreative Vorstellung über immer wieder dieselben Leute! Da dreht man durch, da weiß man irgendwann nicht mehr, in welche prekären Situationen man die noch unter fadenscheinigem Vorwand locken soll, damit man neues Material bekommt!

Ihr könnt euch also unsere maßlose Freude vorstellen, erregter Schwefel aus Nase und Ohren inbegriffen, als nach dem Casting verkündet wurde, dass Antonia Schellert eine Rolle ergattern konnte. Endlich jungfräuliches Frischfleisch! Endlich jemand, der nicht nur neu bei tollMut, sondern auch erst kürzlich aus Köln hergezogen ist! Endlich jemand, über den wir behaupten können, was immer wir wollen, ohne dass jemand uns Verleumdung oder eine Nähe zur Fantasyliteratur vorwerfen könnte!

Antonia spielt in „Die Möwe“ Mascha, eigentlich Marja Iljinitschna Schamrajew, was im Übrigen der komplizierteste Name von allen ist. Traut euch gerne und versucht, das zackig drei Mal hintereinander auszusprechen. Unmöglich. Und wenn es euch doch gelingt, beschwert euch nicht bei mir, wenn ihr damit irgendwelche Dämonen heraufbeschworen habt. Weniger umständlich als der Name ist dafür Maschas Garderobe: Der kleine Sonnenschein trägt immer schwarz (aus Trauer um ihr Leben, sagt sie), ist also modisch irgendwo zwischen Leichenschmaus und Architekturstudium anzusiedeln. Mit der Farbauswahl in Maschas Kleiderschrank hat Darstellerin Antonia keine Probleme, kritisiert aber ihre Entscheidungen, denn Mascha folge nicht ihrem Herzen und gewähre stattdessen der langweiligen alten Ratio freie Fahrt.

Für die Person hinter der Rolle wäre so eine Verteilung von Kopf und Herz vertane Lebenszeit. Reine Vernunftentscheidungen kommen unserer Schauspielerkollegin nicht in die Tüte, die in ihrer Freizeit mit Leidenschaft tanzt und singt und die Lyrics dazu auch selbst zu Papier bringt. Wer beim Casting war, kennt das schon, denn dort hat sie einen ihrer selbstgeschriebenen Songtexte vorgetragen, in englischer Sprache. Dass sie mit dieser Darbietung erfolgreich war und nun die Mascha mit Leben füllt, dürfte Antonia ausgesprochen stolz machen, sie hat uns nämlich erzählt, dass emotionale Reaktionen auf ihre selbstgeschriebenen Lieder sie in den reinsten Freudentaumel versetzen. Außerdem hat sie uns von ihrer riesengroßen Zunge berichtet. Mutig! Apropos Courage: Ob sie mit ihren künstlerischen Leidenschaften irgendwann das große Geld macht, ist Antonia egal. Was bedeutet schon der Kontostand, solange man etwas tut, das einen glücklich macht. Hach, ich sag doch, mit den jungen Hüpfern zu arbeiten, das macht nochmal ganz anders warm ums Herz!

So, jetzt aber genug geschwelgt, wir haben schließlich nach dem ganzen Gegrübel eine Mütze Schlaf nachzuholen! Und heute Abend ist Generalprobe, da will man ja nicht aussehen wie ein Dämon aus der Belletristik. Wir freuen uns, dass Toni und ihre lange Zunge mit von der Partie sind, nicht nur heute bei der letzten Probe, sondern vor allen Dingen auch am Freitag bei der Premiere!