Royal Babies #9 - Clara Wolferseder

Na, alles Clärchen? Ne, spart auch die Antwort, keine Zeit für Smalltalk. Morgen(!!!) ist es nämlich schon so weit: Morgen wird knarzend das Schlosstor geöffnet und ihr kriegt ihn endlich, euren Einblick in das Königreich Burgund. Ob ihr wollt und nicht! Der König ist einverstanden!

Jetzt aber erstmal die Hysterie runterfahren, ein Dextro in die Backentasche schieben und den Skalp massieren, denn sonst brummt euch gleich noch der Schädel. Um die Vorstellung unseres Yvonnesembles  fulminant zum Höhepunkt zu bringen, wagen wir einen Abstecher in die Welt der Tiefenpsychologie und führen hier jetzt mal schön ein Gedankenexperiment durch, um eure Empathie anzuregen!

Los geht’s: Man stelle sich vor, man ist ambitionierte Jungdarstellerin, gesegnet mit engelsgleichem Puppengesicht und auf der Suche nach neuen schauspielerischen Herausforderungen. Ein Vögelchen, nennen wir es mal “Valentin Locke”, zwitschert einem ins Ohr, eine Theatergruppe, nennen wir sie mal “vollGut-Ensemble”, caste für eine neue Produktion. Es geht um eine Rolle in einem Bühnenstück, nennen wir es mal “Yvette”. Man bereitet sich also vor, trägt ein Lächeln auf dem engelsgleichen Puppengesicht zum Casting und dort ein sorgfältig einstudiertes Gedicht vor, zum Beispiel “Take it easy” von Mascha Kaleko, könnte aber auch jedes andere sein, ist ja nur ein Gedankenexperiment. Man stelle sich vor, man ergattert eine Rolle, und nicht nur irgendeine, sondern die der Titelheldin “Yvette”! Aufgeregt informiert man Freunde und Familie, perfektioniert das ergriffene Minenspiel des engelsgleichen Puppengesichts bei der Probe der Oscarrede im Badezimmerspiegel, verlegt Termine, um Zeit zum Textlernen zu haben, und flattert vergnügt zur ersten Lesung. Zitternde Hände nehmen dort das Script entgegen wie die Hausfrau das Bündel  aus dem hohen Hause Zalando, blättern, zücken Textmarker, doch halten bald erschrocken inne: “Die spricht ja gar nicht, diese ‘Yvette’?” wundert man sich noch, während die Ohren dumpf die Worte des Regisseurs vernehmen, die noch Monate später sonor und grausam durch die Gehörgänge spuken sollen: “Und ‘Yvette’, die ist vor allem eines: Hässlich.”
Na, schon mächtig ergriffen? Träne im Auge, Kloß im Hals? Wappnet euch und sucht die Nummer von Amnesty heraus, denn es kommt noch dicker: Was wir euch hier zur Schonung der Nerven als Gedankenexperiment verkauft haben, ist - haltet euch fest - gar keines! Das ist Realität! Das sind düstere Kapitel aus der Biographie von Yvonne-Darstellerin Clara Wolferseder!

Warum wir als Blogredaktion, bei vielen mit Fug und Recht auch bekannt als “Heilsarmee des tollMut-Ensembles”, da nicht eingeschritten sind, fragt ihr euch? Verschiedene Gründe: Erstens ist Elendstourismus immer noch der tauglichste Clickbait und von irgendwas müssen wir ja zehren. Zweitens kööööönnnnte es sein, dass das tollMut-Theater seinem Ruf alle Ehre macht und die “Yvonne”-Inszenierung in dem ein oder anderen Punkt von den Vorstellungen des Autors abweicht. Und drittens wollten wir ja, mussten wir aber gar nicht, denn die gute Clara macht dem “Wolf” in Wolferseder alle Ehre und beißt sich durch! Die steht mit beiden Beinen und ihrem Lieblingskörperteil, dem rechten kleinen Finger, wie ein Mahnmal wider das Jammern auf der Drehbühne, und während andere in den Pausen über Blasen an den Füßen oder Texthänger klagen, schmettert sie “What doesn’t kill you makes you stronger!” in die (noch) leeren Reihen des Publikums. Maschine! Tier!
Oh, hab ich Tier gesagt? Hoffentlich nicht zu laut, denn sonst wittert Clara noch die Anwesenheit eines Hundes, und dann ist hier Feierabend mit Proben, liebe Freunde. Neben ihrem Streben nach mimischer Vervollkommnung treibt unsere “Yvonne” nämlich noch ein zweiter Wunsch an: Kein Hund auf der Welt darf unberührt bleiben, alle sollen und müssen gestreichelt werden! Da gibt es kein Halten mehr, kaum kläfft es in der Ferne, fangen die Finger schon an wie ein gut geöltes Maschinchen Kraulbewegungen zu verrichten. Und wird die Neurose nicht befriedigt, tritt am Ende noch Schaum vor den schönen Mund.
Na, da wollen wir lieber hoffen, dass ihr die Tölen vor der Premiere noch alle vor die Fittiche kommen. Und wer weiß, vielleicht lehnt sich unsere Inszenierung in Sachen künstlerischer Freiheit ja noch ein Mü weiter aus dem Fenster als sonst und der Prinz reitet am Ende mit der lieben Yvonne auf einem Cockerspaniel in den Burgunder Sonnenuntergang. Rausfinden werden wir’s schon morgen, wenn Clara allen zeigt, dass “wenig Text” und “wenig Show” keine Geschwister sind. Die wohnen nichtmal im selben Postleitzahlengebiet, claro?