We want you

Als Blogredakteur*in ist man, das bringt so ein unbezahlter Job mit sich, für jeden Spaß zu haben. Natürlich, in unseren informativen Reportagen dürfen wir uns das freilich nicht anmerken lassen, da sind wir ganz seriöser Profi, da verstehen wir uns als Dienstleister der Enthüllung, als Multiplikatoren ungeschönter Wahrheiten. Im Alltag, jedoch, da bleibt auch bei uns kein Auge trocken. Im Moment sowieso nicht, hat aber wenig mit guten Witzen zu tun, sondern damit, dass unsere Produktion "Die Möwe" auf die letzten beiden Vorstellungen zusteuert und sich damit auch für uns ein ereignisreiches Kapitel gen Klimax emporhebt. Am Donnerstag und Freitag machen wir den Sack zu und unser liebgewonnenes, leider elend abgeschossenes Federvieh wird dann für immer drin bleiben. Mit den Würmern, den hungrigen. Schnüff.

Die beiden Tage "Pause", die man uns bis zum finalen Bühnendoppel gewährt, möchten wir aber nicht zum Jammern nutzen - wo kämen wir denn hin! - sondern frohen Mutes nach vorne schauen. Wo einst die Möwe am Horizont kreiste, warten ja schließlich schon neue Projekte auf uns, vor allem aber auf euch. Ja, richtig gehört: Auf euch. We want you, wie Uncle Dave sagen würde. 

Heute also noch mehr "Real Talk" als sonst im Blog eures Vertrauens, heute nehmen wir euch an die Hand und zeigen euch, wie ihr mitmachen könnt bei uns, wie ihr Teil werden könnt der tollMut-Familie!

tollMut war und ist ein partizipatives Projekt, und das heißt auf deutsch: Wir suchen immer neue Leute auf, vor und hinter der Bühne, auch für Projekte, Performances und Aktionen, bilden außerdem uns und andere fort. Wenn ihr "Die Möwe" gesehen habt (und auch, wenn nicht, obschon das ein ziemlich übles Versäumnis wäre, wenn wir mal ehrlich sind) und es euch nun selbst im Federkiel juckt, mal Theaterluft zu schnuppern, stellen wir euch hier die Möglichkeiten des tollMut-Ensembles vor:

1. Stück für Stück

Unsere schwipsige Leserunde "Stück für Stück" ist das Einsteiger- und Dranbleiberprogramm für alle, die noch nicht genau wissen, ob "die Sache mit tollMut" was für sie ist. Erfunden für Leute, die beim Gedanken an Bühnenpräsenz bisweilen noch die Buxe bis zum Bündchen voll machen, und für jene, die zu wenig Zeit haben für so ein ausgewachsenes Theaterprojekt oder einfach nur Bock, ohne Verpflichtung Theatertexte kennen zu lernen. Ach, und für solche, die einfach nur ungerne allein Wein trinken, ist der Abend auch ideal.

So läuft's ab: In monatlichen Abständen treffen wir uns in den hohen Hallen des Bruchwerks, meist in kleiner Runde, um bei einem Gläschen Vino oder auch Apfelsaftschorle (bitte den Tropfen der Wahl mitbringen, Wein kann inzwischen aber auch an der Theke erstanden werden) Theaterstücke zu lesen. Was gelesen wird, entscheidet das Los, und jeder, der kommt, kann ein Stück oder zehn Stücke seiner Wahl in den Lostopf werfen.

Meist wird hinterher noch ein wenig über den Text oder Gott und die Welt philosophiert, wer die Meute einfach mal unverbindlich und gemütlich kennen lernen möchte, ist hier also bestens aufgehoben.

Das nächste "Stück für Stück" findet am Freitag, den 7. Februar um 19:30 Uhr statt, wegen Belegung des Bruchwerks allerdings im frei.raum. 

Um eine Anmeldung (bitte hier klicken) wird gebeten, damit genug Kopien des Textes vorhanden sind. 

2. Workshop: "Methoden der Rollenentwicklung"

Unser Workshop-Evergreen "Methoden der Rollenentwicklung" wird seit nunmehr 5 Jahren wegen der großen Nachfrage bis zu vier Mal jährlich angeboten. Der Fortbildungsdauerbrenner mit, wir zitieren Teilnehmer*innen, "Klassenfahrtatmosphäre" wurde vor allem für Schauspielanfänger*innen konzipiert, zieht aber auch alte Bühnenhasen und Wiederholungstäter*innen an, sodass man in der Regel als Teil einer sehr fruchtbar durchmischten Gruppe arbeitet.

So läuft's ab: Der Workshop dauert das gesamte Wochenende und hat das Ziel, Schauspielinteressierten in der Kompetenz zu schulen, selbstständig Rollen zu entwickeln. Dazu erhält zu Beginn des Wochenendes jede*r Teilnehmer*in einen Monolog, der am Abend des Sonntags in einer großen Abschlusspräsentation vor den übrigen Teilnehmer*innen dargeboten werden soll. Natürlich bereiten wir tatkräftig darauf vor!

Nachdem alle in der großen Gruppe mit Spiel, Spaß und einem tighten Sportprogramm aufgeheizt und Berührungsängste zerschmettert wurden, werden die Teilnehmer*innen in Kleingruppen aufgeteilt und kriegen ihren eigenen Personal Trainer. Dort und mit dem oder der werden die Grundlagen der Schauspielmethode von Michael Tschechow (das ist der Neffe von dem Herren, der "Die Möwe" schrieb, übrigens) vermittelt und es wird erprobt, wie diese Techniken am Monolog in die Tat umgesetzt werden können.

Der Workshop ist allein wegen der Dauer körperlich und emotional herausfordernd, die Methode Tschechows schützt Darstellende aber davor, ihren persönlichen emotionalen Ballast präsentieren zu müssen. Anders als bei der bekannten Schauspieltechnik "Method" soll man hier nicht mit seiner kürzlich verstorbenen Großmutter oder anderen persönlichen Erfahrungen hausieren gehen, um zum Beispiel Trauer darzustellen. Tschechows Methoden gibt den Akteuren stattdessen abstrakte und unpersönliche Mittel an die Hand, das eigene kreative und emotionale Potenzial im Prozess der Rollenentwicklung anzuzapfen. Durch "innere Bewegungen" werden Darstellende zu "äußeren Handlungen" inspiriert - ein spannender und intensiver Erarbeitungsprozess, der sich stark von anderen Schauspielmethoden unterscheidet!

Vor diesem Hintergrund ist der Workshop nicht nur für Anfänger*innen ideal, sondern auch für erfahrene Rampensäue, die ihr methodisches Repertoire erweitern oder Techniken wiederholen und verfeinern möchten. 

Wer selbst einmal bei tollMut vorsprechen und mitmachen möchte, wird zudem vortrefflich auf unsere Arbeitsweise vorbereitet und verbringt zudem ein ganzes Wochenende mit uns. Wenn man danach immer noch Lust hat, soll es wohl einfach so sein.

Eine Teilnahme an unserem Workshopwochenende costa fast gar nix: Regulär sind 40 Euro für das gesamte Wochenende zu entrichten, der ermäßigte Preis für jeden, für den 40 Euro einfach zu weh täten, liegt bei 20 Euro. 

Die nächste Gelegenheit, sich auf die gefühlte Klassenfahrt zu begeben, ist schon am Wochenende vom 15./16. Februar (Für Anmeldung und weitere Infomationen hier klicken). Traut euch, es lohnt sich!

 

3. Casting

Last but not least, der Endgegner: Wie gesagt versteht tollMut sich als partizipatives Mitmachtheater. Zu unserem Selbstverständnis gehört darum seit den Gründungstagen im fernen Mittelalter, das bei jeder Produktion jede*r die Möglichkeit erhält, sein Können bei uns einzubringen. Deshalb eröffnen wir eine Spielzeit traditionell mit einem Casting, bei dem Spielwütige ihr Talent feilbieten können. 

Das läuft so ab: Im Frühjahr und Herbst spammen wir Werbung für unser Casting in alle Kanäle, die Social Media zu bieten hat. Außerdem hängen an der Uni und in der Kernstadt schwer übersehbare Abreißzettel (in der Regel ein Zitat aus dem nächsten Stück in Schriftgröße 284, darunter eine Hand voll Information). 

Wer vorsprechen möchte, meldet sich per Elektropost unter der angegebenen E-Mail-Adresse und erhält zügig eine Antwort mit Angaben zu Ort, Zeit und Ablauf des Vorsprechens. Auch Talente, die ihren Wirkungskreis weniger auf, sondern hinter oder vor der Bühne sehen, schreiben eine E-Mail. Denn auch für angehende Bühnenbildner*innen und -bauer*innen, Maskenpeople, Regieassistenz, Kostümbild, PR-Kräfte und Blogschreiberlinge ist das Casting eine Gelegenheit, mit der Gruppe und dem Stück warm zu werden. Vorsprechen müssen die aber natürlich nicht.

Das Casting selbst läuft dann wesentlich entspannter ab, als man's aus dem Fernsehen kennt. In der Regel wird aus Gründen des Andrangs zwei Abende lang gecastet, man muss aber nur an einem von beiden Tagen kommen. Wer die Konkurrenz abchecken und nichts verpassen will, den halten wir aber auch nicht von einer Anwesenheit an beiden Tagen ab. 

Am ersten Abend hält Regieurgestein David Penndorf eröffnend einen Monolog über das geplante Stück, Aufführungs- und Probenzeiträume und feststehende Inszenierungsideen, am zweiten Castingabend entfällt dieser Teil meist oder wird durch gemeinsames Reinlesen in den Text ersetzt. 

Im Anschluss geht die Gruppe zu heiteren Spielen und Aufwärmübungen über, mit dem Ziel, Hemmungen abzubauen, Freude zu verbreiten und den vor Nervosität in einen Zustand nahe der Leichenstarre gefallenen Körper zu lockern.

Es folgen zuletzt die Einzelvorsprechen. Meist ist ein selbstgewähltes Gedicht vorzutragen, das einmal nach Gusto und dann mit Anweisungen der Regie dargeboten wird. Diese Anweisungen reichen von "Als würdest du dich bei deinem Vater outen" bis zu "Im Handstand, singend, und kannst du bitte noch mit den Ohren wackeln dabei?". 

Spaß macht das Ganze wirklich immer, und das schreibe ich, der sich auch beim 100sten Casting immer noch in den Schlüppi strullern wird.

Übrigens: Selbst wenn es nichts wird mit der Rolle, heißt das nicht, dass ihr nicht mitmachen könnt. Meistens gibt es immer irgendein Seitenprojekt, eine Performance oder irgendetwas ganz Neues, das der Penndorf oder einer seiner Lakaien sich in einer Fieberfantasie ersonnen hat, mit Leben zu füllen. Leute mit Bühnenlust werden also stets gesucht und können meist irgendwo untergebracht werden.

Zuletzt zu den Fragen, die vor allem die Studierenden unter euch umtreiben: Nein, eine Teilnahme am Casting kostet euch natürlich nichts außer etwas Zeit und Mut. 

Bezahlt werdet ihr im Falle einer Besetzung oder anderweitigen Mitwirkung aber leider auch nicht. Da wir alle Einnahmen unserer Aufführungen  in den Erhalt unseres Kulturangebots stecken, ist euer Mitwirken bei uns ehrenamtlich.

Solltet ihr in einem entsprechenden Ausbildungsweg stecken und euer Einsatz bei uns die erforderliche Stundenzahl überschreiten, stellen wir aber gerne Praktikumszeugnisse aus. Wer an einem solchen interessiert ist, spricht das am besten vorab an (und mit seiner*m Praktikumsbetreuer*in ab) sodass wir euch entsprechend einplanen können.

Ihr seht, an Möglichkeiten mangelt es nicht, sich bei uns einzubringen. Wir hoffen, nein, wir wissen: Da ist auch für dich was dabei! In diesem Sinne: Bis bald beim tollMut-Theater!